Lange wurde gerätselt, warum sich Rechtschreibung und Mathematik im deutschen Bildungswesen zunehmend von festen Regeln verabschieden. Jetzt scheint das Geheimnis gelüftet: Nicht mehr >richtig< oder >falsch< zählt – sondern das persönliche Empfinden, die „gefühlte Wirklichkeit“.
„Schreiben nach Gehör“ gilt inzwischen als moderne Methode: Aus „Fahrrad“ wird „Farat“, aus „Brücke“ vielleicht „Brügge“ – Hauptsache kreativ.
Und offenbar hat diese neue Freiheit inzwischen sogar den öffentlichen Raum erreicht.
„Eine Werrebrücke kommt selten allein!“
Jüngstes Beispiel: das Straßenschild „An der Werrenbrücke“ in Gohfeld, Abzweigung von der Brückenstraße. Dort wurde aus der einzelnen Werre-Brücke kurzerhand ein merkwürdiger Plural konstruiert. Sprachwissenschaftler dürften noch Jahre brauchen, um herauszufinden, wie viele „Werren“ dort eigentlich gleichzeitig überquert werden sollen.
Besonders bemerkenswert: Der Fehler wurde mit bewundernswerter Konsequenz gleich auf beiden Seiten des Schildes angebracht. Das spricht für eine sorgfältige Planung im Löhner Rathaus.
Zufall scheidet damit praktisch aus. Vielleicht wollte man vermeiden, dass Autofahrer durch unterschiedliche Schreibweisen verwirrt werden.

Man muss den Verantwortlichen allerdings auch zugutehalten: Wer nach Gehör schreibt, kann schlecht nach Duden kontrollieren. Und wer nach Gefühl rechnet, kommt womöglich zu dem Ergebnis, dass ein zusätzlicher Buchstabe gar nicht weiter ins Gewicht fällt.
So wird aus einem einfachen Straßenschild beinahe ein pädagogisches Gesamtkunstwerk – irgendwo zwischen kreativer Orthografie, sprachlicher Selbstverwirklichung und kommunaler Dauerprovisorik.
Bleibt nur die Frage: Wann folgen die nächsten Innovationen? „Am Kreiseln“, „Zu den Rathäuser“ oder vielleicht „Pakken verbotten“? Möglichkeiten gäbe es genug.
[Foto © Werrebote]

